Osteopathie & Manualmedizin · Praxiswissen
Neurovaskuläre
Reflexpunkte
Das Körpernetz aus Nerven, Lymphe und Reflexzonen
Chapman-Reflexe · Diagnostik · Therapie
Kleine Verhärtungen in Muskeln und Faszien können Wegweiser zu erkrankten Organen sein. Der amerikanische Osteopath Frank Chapman entdeckte in den 1930er-Jahren ein System von
Reflexpunkten, das Nervensystem, Lymphe und innere Organe miteinander verbindet.
Frank Chapman D.O., 1897–1930er · Systematisierung durch Charles Owens
Was sind Chapman-Reflexpunkte?
Reflexpunkte am Körper
Abb. 1 · Verteilung der Chapman-Punkte auf Vorder- und Rückseite des Körpers
Chapman-Reflexpunkte (auch: neurolymphatische Reflexpunkte) sind fest lokalisierte Stellen an Haut, Muskeln und Faszien, die in direkter Wechselbeziehung mit bestimmten inneren
Organen stehen. Jeder Punkt ist einem Organ zugeordnet – und reagiert empfindlich, wenn die Lymphdrainage dieses Organs gestört ist.
Die Punkte erscheinen als kleine, oft erbsen- bis kirschkerngroße Verhärtungen oder Verdickungen im Gewebe. Im gesunden Zustand sind sie kaum wahrnehmbar; bei Funktionsstörungen des
zugehörigen Organs werden sie druckschmerzhaft und verändern ihre Gewebetextur.
Der Begriff „neurovaskulär" verweist auf das Zusammenspiel zweier Körpersysteme: des Nervensystems, das Informationen überträgt, und des
lymphatisch-vaskulären Systems, das Stoffwechselprodukte transportiert und die Immunabwehr reguliert.
Anatomische Grundlage
Anterior
Punktlokalisation am Körper
Anteriore Hauptpunkte (Vorderseite)
Posteriore Korrespondenzpunkte (Rücken)
Jeder anteriore Punkt besitzt einen korrespondierenden posterioren Punkt an der Wirbelsäule oder am Rücken.
Die Reflexwege verlaufen über somatoviszerale Verbindungen – Nervenverbindungen, die Haut, Muskulatur und innere Organe miteinander verknüpfen.
Wenn ein Organ in seiner Funktion gestört ist, staut sich die Lymphe, und dieser Stau manifestiert sich als tastbare Veränderung an einem exakt definierten Körperpunkt.
Drei beteiligte Systeme
Das Nervensystem leitet Reize weiter und koordiniert die Reflexantwort. Das Lymphsystem transportiert Stoffwechselprodukte ab und reguliert Entzündungsprozesse. Das Fasziennetz verbindet
Organe, Muskeln und Haut und gibt den Reflexpunkten ihre tastbare Form.
Diagnose durch Palpation
Palpation aktiver Reflexpunkte
Abb. 2 · Kreisförmiger Druck mit der Fingerkuppe auf den identifizierten Punkt
Der Osteopath tastet die Körperoberfläche systematisch ab – von Kopf bis Fuß, zunächst die Vorderseite, dann die Rückseite. Aktive Punkte erkennt man an ihrer erhöhten
Druckschmerzhaftigkeit und einer veränderten Gewebetextur: Das Gewebe fühlt sich körnig, verhärtet oder gummiartig an.
Je ausgeprägter der Befund am Reflexpunkt, desto stärker die Störung im zugehörigen Organ. So dient die Palpation nicht nur der Behandlung, sondern gleichzeitig als diagnostisches
Instrument zur Beurteilung des Zustands der inneren Organe.
»Der Reflexpunkt ist eine Projektion des pathologischen Geschehens auf die Körperoberfläche – sichtbar und tastbar, bevor es klinisch manifest wird.«
Aus der
osteopathischen Fachliteratur nach F. Chapman
Die Behandlung Schritt für Schritt
1
Palpation der Vorderseite. Systematisches Abtasten aller anterioren Reflexpunkte. Aktive, druckschmerzhafte Punkte werden
markiert.
2
Rotationsdruck. Sanfter kreisender Fingerkuppendruck auf den identifizierten Punkt – 20 Sekunden bis 2 Minuten, bis Schmerz
nachlässt und die Gewebemobilität zurückkehrt.
3
Posteriore Korrespondenzpunkte. Nach den anterioren Punkten werden die entsprechenden Rückenpunkte behandelt, um den
Reflexkreis zu schließen.
4
Kontrolle. Erneute Palpation der anterioren Punkte: Nachlassender Schmerz zeigt den Therapieerfolg an.
5
Ergänzende Verfahren (bei Bedarf). Bei ausgeprägten Störungen: Gelenkmobilisation, viszerale Osteopathie und kraniosakrale
Therapie zur Unterstützung.
Wirkweise & therapeutischer Nutzen
Therapeutische Wirkungen im Überblick
-
→Normalisierung der Organfunktion
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→Entstauung des Lymphsystems
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→Schmerzreduktion im Reflexpunkt
-
→Verbesserung der Mikrozirkulation
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→Entzündungshemmung
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→Optimierung der Verdauung
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→Stärkung der Immunabwehr
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→Verbesserung des Stoffwechsels
Der Mechanismus beruht auf der engen Vernetzung des vegetativen Nervensystems mit dem Lymphsystem. Ein gestautes Organ sendet über die somatoviszeralen Nervenwege Signale, die sich als
Gewebeveränderung an der Körperoberfläche manifestieren. Der manuelle Reiz am Reflexpunkt unterbricht diesen Kreislauf, normalisiert den Lymphfluss und gibt dem Organ den Impuls zur
Selbstregulation.
Einbettung in die osteopathische Behandlung
Die Chapman-Reflextherapie wird idealerweise zu Beginn einer osteopathischen Sitzung eingesetzt – nach der allgemeinen Muskelentspannung, aber vor der strukturellen Korrektur. Sie
bereitet das Gewebe vor, liefert diagnostische Informationen und verstärkt die Wirkung nachfolgender Techniken wie Viszeralosteopathie und Kraniosakraltherapie.
Eine Behandlungskur umfasst je nach Beschwerdebild 1 bis 15 Sitzungen à 30–60 Minuten. Die Therapie ist schmerzarm; empfundene Druckempfindlichkeit klingt in der Regel während der
Behandlung rasch ab.
Hinweis: Die neurovaskuläre Reflextherapie nach Chapman ist eine komplementäre osteopathische Methode und ersetzt keine schulmedizinische
Diagnostik oder Behandlung. Bei anhaltenden Beschwerden wenden Sie sich an Ihren Arzt oder Osteopathen.